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Mobil zum Friedhof

Unsere Bestattungskultur entwickelt sich zunehmend zu einer pflegefreien Urnenlösung. Dies ergibt sich häufig aus den zunehmend überregionalen Familienstrukturen. Die trauenden Angehörigen verbleiben überwiegend als Single zurück. Wenn dann noch das Auto wegfällt, ist da nur wenig Spielraum, sich auch noch um das Grab zu kümmern. Durch Corona wurden die möglichen Ausflüge weiter reduziert. Die Menschen verlassen ihr Zuhause aus Unsicherheit nur noch für Einkäufe oder Arztbesuche. Noch stärker sind davon natürlich auch die Bewohner der Alten- und Pflegeheime betroffen. Deren Aktionsradius geht oft kaum über den unmittelbaren Gartenbereich hinaus.

Bildnachweis: www.friedhofsmobil.de

Um der Friedhofskultur mehr Leben einzuhauchen, wurde bereits im Jahr 2000 in Köln das Friedhofsmobil gegründet. Immerhin leben allein in Köln ca. 60.000 Menschen, die über 80 Jahre alt sind, in Deutschland sind es sogar fast 3 Millionen. Für diese Zielgruppe organisiert das Friedhofsmobil den Besuch auf den Friedhof. Angestoßen haben das Projekt die Friedhofsgärtner, deren Kultur besonders unter den pflegearmen Gräbern zu leiden hat. Der Verein verfügt inzwischen über zwei Fahrzeuge – eines elektrisch – die auch Rollstuhlfahrer gut aufnehmen und zum Friedhof transportieren können. Es gibt eine kostenlose Service-Nummer, unter der die Interessenten sich für einen Friedhofsbesuch ca. zwei bis drei Wochen im Voraus anmelden können. Der Service steht den Senioren kostenfrei zur Verfügung.  Finanziert wird das Ganze durch Spenden und die laufenden Kosten durch die Friedhofsgärtner. Anders als jedes Taxi kann das Friedhofsmobil zudem auf den Friedhof fahren und die Besucher so nah wie möglich an das gewünschte Grab heranbringen. Bei den großen Friedhöfen gerade in Köln ein unschätzbarer Vorteil. Dabei ist für jeden Besuch am Grab mit 30 Minuten genug zeitlicher Spielraum eingeplant, um im Vorfeld noch die notwendigen Blumen zu kaufen, damit man vor Ort sein Grab wiederherrichten und verschönern kann. Man ist persönlich vor Ort und kann seine Anliegen vor Gott und den Verstorbenen vortragen – und damit die Beziehung zu dem Verstorbenen „beleben“.

Ca. 5 – 6 Besuche pro Fahrzeug können so pro Tag organisiert werden. Und bei den Fahrten vom Wohnort zum Friedhof sieht man auch wieder so einiges, was draußen los ist im Viertel und kann das gleich mit dem Fahrer bzw. der Fahrerin austauschen. Das erleichtert für die Betroffenen, regelmäßig ihren Friedhof besuchen zu können, damit dort die Friedhofskultur belebt wird. Das passt natürlich sehr gut dazu, dass seit 2020 die deutsche Friedhofskultur zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Damit wird die Bedeutung traditioneller Trauerrituale und Bestattungsformen hingewiesen. Auf der UNESCO Seite im Internet heißt es dazu „Als naturnahe Orte der Erinnerungskultur sind Friedhöfe darüber hinaus heute Abbilder einer pluralistischen Gesellschaft.“ Damit dieses Kulturerbe nicht zunehmend zur Erinnerung verblasst, bedarf es noch vieler vergleichbarer Initiativen wie in Köln. Friedhöfe sind zwar für die Verstorbenen da, doch damit sie auch zu unserem Leben gehören, müssen sie sich in ihrer Gestaltung auch der zunehmenden Vielfalt in der Gesellschaft anpassen und eine offenere Nutzung ermöglichen.

www.friedhofsmobil.de